Vorwort des Übersetzers

Warum sich die Mühe machen, ein Buch wie das The Neurofeedback Book der Thompsons, ins Deutsche zu übersetzen? Es gibt Übersetzungssoftware, viele Menschen im Feld der Neurofeedback-Begeisterten sprechen und verstehen Englisch. In den Neurofeed-back-Foren werden unentwegt neue entschlüsselte Geheimnisse der Neurowissenschaften gepostet. Ein internationales Publikum führt dort einen oft auf hohem Niveau liegenden Dialog. Und trotzdem stoße ich bei von mir gegebenen Fortbildungen oft auf ein sehr eingeschränktes Basiswissen bei Teilnehmern, die meistens schon andere Ausbildungen durchlaufen haben. Es fehlt ihnen nicht an praktischer Erfahrumg oder theoretischem Wissen und viele träumen von großartigen neuen Innovationen, die sie kaufen wollen, aber es fehlt ihnen bei genauerem Hinhören das Fundament, um wirklich beurteilen zu können, welche Art der Neurofeedbacktherapie beim jeweiligen Klienten die Beste ist.

Als ich 2007 mit Neurofeedback zu therapieren begann, war ich einer von wenigen Anwendern. Mir wurde von allen Seiten mit Skepsis begegnet. Ich war aber vom Thema zu fasziniert, um mich abschrecken zu lassen. Ich hatte viele Kurse besucht und zwei Prüfungen abgelegt, aber das hatte meinen Durst nach mehr Wissen nicht gestillt. Damals las ich alle verfügbare Neurofeedback-Literatur, um meine Kenntnisse zu erweitern, aber es war das The Neurofeedback Book der Thompsons, das mir den Zugang zum wirklichen therapeutischen Erfolg öffnete, indem es mich noch einmal alle Grundlagen des NFB auf intensivere Art und Weise erkennen ließ. Ich habe Michael und Lynda Thompson beim AD(H)D Seminar der Biofeedback-of-Europe, BfE, 2009 in Eindhoven gesehen. Damals kannte ich aber bereits das ganze The Neurofeedback Book halb auswendig und ich hatte schon einige Zeit zuvor damit begonnen, meine Therapien nach dem vermittelten Vorbild zu gestalten, was zu unerhörten Erfolgen führte. Michael Thompson ist ein wissenschaftlicher Autor, dessen Selbstanspruch ihn weit aus der Gruppe anderer Autoren heraus hebt. In unendlicher Detailbesessenheit hat er versucht, Neurofeedback und Biofeedback als eine Alternative zu herkömmlichen Therapien psychischer Krankheiten zu etablieren, aber auch als Möglichkeit zur Steigerung der geistigen Leistungsfähigkeit von Schülern, Studenten, Sportlern, Managern und anderen Hochleistern.

The Neurofeedback Book gilt als Lehrbuch zur Erlangung der internationalen BCIA-Zertifikats. Aber es ist noch mehr als das. Es ist ein literarisches Werk höchsten Ranges, geschrieben von einem glänzenden Theoretiker, der gleichzeitig enorme praktische Erfahrung besitzt.

Die Thompsons haben Neurofeedback immer als eine Methode verstanden, jedem Klienten zu höherer Eigenkompetenz zu verhelfen. Neurofeedback wird bei Ihnen fast immer mit Biofeedback und metakognitiven Strategien gekoppelt. Das Ziel ist es, mit dem geringsten Aufwand den größten Erfolg zu erzielen. Dabei bleiben Sie offen gegenüber Innovationen wie dem LORETA-Neurofeedback oder dem Z-Score-Neurofeedback, was in Deutschland oft nicht der Fall ist. Undogmatisch wird das im Einzelfall wirkungsvollste Verfahren angewendet. Die große Erfahrung und das gewaltige Wissen der Thompsons sind auf jeder Seite des The Neurofeedback Book zu spüren.

Ich veröffentliche auf meinem BLOG seit zwei Jahren Übersetzungen von Teilen des The Neurofeedback Book, die auf viel Interesse stoßen. Die Übersetzungen sind von den Thompsons genehmigt worden, ohne dass wir, außer durch gelegentlichen E-Mails, Kontakt zueinander hätten. Trotzdem teilte mir Michael Thompson mit, dass er den in diesem Buch veröffentlichten Text für einen seiner bedeutendsten halte, den er gerne übersetzt sehen wolle. Ich hatte bedenken, mich mit einem derartig komplexen Text auseinanderzusetzen, der großes neurophysiologisches Fachwissen verlangt, das ich, in Bezug auf neuronale Netzwerke, gar nicht hatte. Aber das machte die Übersetzung auch zu einer Herausforderung.

Jeder, der sich mit Neuro- oder Biofeedback einmal näher befasst hat, kennt die gespannte Erwartung und die fast schon sinnliche Neugier, bei dem Eintauchen in neues „Material“. Michael Thompson beschreibt gerne die eigene Faszination, die ihn im Feld hält. „Wer mit Neurofeedback beginnt, dem ist es nie wieder langweilig“, heißt es irgendwo am Anfang des Originals.

Das vorliegende Buch ist recht komplex. Ein Anfänger im Feld wird daran zweifeln, ob das hier vermittelte Wissen ihm nützlich sein wird: Es werden Hirnregionen, Brodmann-Areale, und deren Funktionen in unterschiedlichen neuronalen Netzwerken detailliert beschrieben. Es wird verdeutlicht, was neuronale Netzwerke sind und welche es gibt. Man erfährt, wie die frontalen Hirnregionen über Loops mit den Basalganglien verbunden sind, und wie es physiologisch möglich ist, dass das Gehirn Handlungspläne verfolgt oder verwirft, je nachdem wie es die Situation verlangt.

Spannend ist es, zu erfahren, dass der Senso-Motorische-Rhythmus, der so genannte SMR-Rhythmus, anzeigt, dass das Gehirn einen automatisierten Handlungsablauf unterdrückt, um eine alternative Handlung einzuleiten, wie etwa bei dem Torwart, der gewohnheitsmäßig den Ball zur Mittellinie abschlagen will, der aber plötzlich den frei stehenden Anspielpartner am gegnerischen Strafraum sieht, dem zuliebe er die angelaufene Routinehandlung abbricht. Dass der sensomotorische Rhythmus damit etwas zu tun hat, wird uns beim nächsten NFB-Training mit einem ADS/ADHS-Kind wieder einfallen. Dass der am meisten benutzte Ableitungspunkt beim Ein-Kanal-Neurofeedback-Training, Cz, ein HUB des Gehirns ist, also ein wichtiger Knotenpunkt und dass Cz oberhalb von Brodmann Areal 4 und dieses oberhalb von Brodmann Areal 24 liegt, wobei letzteres entscheidende Funktion in Aufmerksamkeitsnetzwerken hat, wird unsere Wahl des richtigen Trainings-Setting beeinflussen.

Thompsons macht sich die Mühe, uns das ganze Gehirn im Hinblick auf unser tägliches Training mit Klienten, die Symptome schildern, zu erläutern. Jedes Brodmann Areal, das das LORETA-NFB Training anvisieren kann, wird mit dem zugehörigen Ableitungspunkt des 10/20 System beschrieben. Nach der Lektüre sollte man mit vielen neurophysiologischen Begriffen vertraut sein. Es gibt unzählige Grafiken, und alle Funktionen der Hirnregionen werden uns wieder und wieder erläutert.

Man wird rasch einsehen, dass es gut wäre, wenn man das im Buch vermittelte Wissen in der täglichen Arbeit immer präsent hätte. Thompson macht es uns aber leicht, indem er das Buch so gestaltet, dass man es auch zum Nachschlagen benutzen kann. Es ist also ein Buch, das jeder Therapeut, der Neurofeedback oder Biofeedback praktiziert, besitzen sollte.

Heinz-Werner Bähr


Der Autor (von mir übersetzt)


„Meines Erachtens wird Selbstregulation einen großen Teil der Medizin des 21. Jahrhunderts bestimmen. Zwei gewichtige Gründe führen mich zu dieser Annahme: zuerst einmal sind erlernte Selbstregulationsfähigkeiten, die durch Neurofeedback und Biofeedback ermöglicht werden, die Basis um viele Störungen zu überwinden, die von der Schulmedizin oder der traditionellen Medizin nicht behandelbar sind, zweitens sind die Vorteile für das Gesundheits-System immens, daß durch den Einsatz von Techniken, die den Menschen Selbstregulation beibringen, auch kostengünstiger wird, weil das passive Warten des Menschen auf eine von außen kommende Hilfe wegfällt. Selbstregulation ist eine erlernbare Methode, die eine langanhaltende Veränderung zum Positiven bewirkt. Pharmakologische Interventionen sind im Gegensatz dazu nur wirksam, solange die Medikamente gegeben werden. Deshalb sind sie auf die Dauer sehr kostenintensiv. Selbstregulation zielt immer auf Gesundheit, sie ist nicht am negativen Bild der Krankheit orientiert.“

Michael Thompson


Kostenloser Download des Buchs